Künstliche Intelligenz ist längst auch in der Tattoo-Welt angekommen. Mit wenigen Worten lassen sich innerhalb von Sekunden Bilder erzeugen, für die früher lange nach einer passenden Vorlage gesucht oder von Grund auf gezeichnet werden musste.
Für mich stellt sich deshalb weniger die Frage, ob AI beim Entwerfen eines Tattoos legitim ist. Für meine Arbeit ist sie inzwischen ein fester Bestandteil des Gestaltungsprozesses. Entscheidend ist vielmehr, wie man sie verwendet – und was man von ihr erwartet.
Früher Pinterest, heute AI
Referenzbilder waren schon immer ein wichtiger Teil der Vorbereitung eines Tattoos. Früher war Pinterest für mich eine riesige Bibliothek, um nach Motiven, Kompositionen und Ideen zu suchen.
Das hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Alle suchen in derselben Bibliothek.
Bestimmte Bilder tauchen dadurch immer wieder auf. Sie werden von Tätowierern und Kunden auf der ganzen Welt als Referenz verwendet und in unterschiedlichsten Varianten neu interpretiert. Je populärer ein Motiv ist, desto häufiger begegnet man denselben Vorlagen.
AI verändert diesen Teil des Prozesses für mich.
Statt nach einem möglichst passenden bestehenden Bild zu suchen, kann ich gezielt eine neue Vorlage erzeugen, die bereits bestimmte Eigenschaften mitbringt, die ich für ein Projekt benötige. Dadurch wird die Ausgangsbasis individueller.
Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass das generierte Bild bereits ein fertiges Tattoo-Design ist.
Warum ich nicht einfach komplette Tattoos generieren lasse.
Zum jetzigen Stand sind für mich wahrscheinlich 90 Prozent der komplett generierten Tattoo-Designs nicht direkt brauchbar.
Ein Bild kann auf den ersten Blick beeindruckend aussehen und trotzdem als Tattoo nicht funktionieren.
Denn ein Tattoo muss mehr können, als auf einem Bildschirm gut auszusehen. Linien, Kontraste, Details und Flächen müssen technisch umsetzbar sein. Das Motiv muss zur Körperstelle und zur Größe passen – und vor allem sollte es auch nach Jahren noch funktionieren.
AI berücksichtigt all das nicht automatisch.
Deshalb nutze ich sie hauptsächlich, um einzelne Komponenten eines Designs zu entwickeln. Diese Elemente nehme ich anschließend in Photoshop, kombiniere sie miteinander, passe Proportionen und Komposition an und entwickle daraus den eigentlichen Entwurf.
Die AI liefert mir also Material für den Gestaltungsprozess. Sie ersetzt den Gestaltungsprozess nicht.
Zeichnest du alles am PC?
Natürlich könnte man jedes Element eines Entwurfs komplett von Hand neu zeichnen.
Das ist auch heute noch möglich – und je nach Projekt absolut sinnvoll.
Bei jedem einzelnen Tattoo sämtliche Referenzen und Bestandteile von Grund auf neu zu zeichnen, würde allerdings enorm viel Zeit beanspruchen. Für viele Projekte wäre dieser Aufwand schlicht nicht wirtschaftlich. Niemand ist bereit, diese Zeit wirklich zu entlöhnen.
Dabei darf man nicht vergessen, dass das eigentliche Tätowieren ohnehin nur einen Teil der Arbeit ausmacht. Beratung, Recherche, Gestaltung, Vorbereitung und Anpassungen gehören genauso zu einem Tattoo-Projekt.
Wenn mir AI bei bestimmten Arbeitsschritten Zeit spart, ohne dass darunter die Qualität oder Individualität des Ergebnisses leidet, sehe ich keinen Vorteil darin, diese Arbeit künstlich komplizierter zu machen.
AI ist nur so gut wie das, was man ihr mitgibt
Ein oft unterschätzter Punkt ist das Prompting.
Ein brauchbares Ergebnis entsteht nicht einfach dadurch, dass man „Tiger Tattoo Black and Grey“ in einen Bildgenerator schreibt.
Je genauer ich weiß, welches Ergebnis ich benötige, desto gezielter kann ich beschreiben, wie ein Element aussehen soll. Dazu kommt Erfahrung mit den jeweiligen Werkzeugen und – je nach Anwendung – auch die Möglichkeit, AI-Modelle gezielt für bestimmte Aufgaben zu trainieren.
Aber selbst gutes Prompting allein reicht nicht.
AI kann ein Bild erzeugen. Sie weiß deshalb noch lange nicht, was ein gutes Tattoo ist.
Um ein generiertes Bild beurteilen zu können, braucht es weiterhin Wissen über Gestaltung, Bildaufbau, Anatomie, Tattoo-Technik und das Handwerk selbst.
Wenn Kunden ihre Tattoo-Idee selbst mit AI erstellen
Hier wird AI für mich zum zweischneidigen Schwert.
Auf der einen Seite finde ich es hilfreich, wenn jemand seine Vorstellung damit visualisieren kann. Nicht jeder kann zeichnen oder eine Idee so beschreiben, dass ein anderer Mensch sofort dasselbe Bild vor Augen hat.
Ein AI-generiertes Bild kann mir deshalb sehr schnell zeigen:
„Ungefähr in diese Richtung möchte ich gehen.“
Das kann die Beratung sogar erleichtern.
Schwierig wird es, wenn aus dieser Visualisierung bereits eine feste Erwartung entsteht.
Ein Kunde sieht ein Bild, findet es perfekt und möchte anschließend genau dieses Motiv tätowiert haben. Vielleicht enthält es aber Details, Größenverhältnisse oder Strukturen, die auf der Haut technisch nicht sinnvoll umsetzbar sind oder langfristig nicht gut funktionieren werden.
Dann muss ich nicht mehr nur ein Tattoo gestalten. Ich muss zuerst erklären, warum das vermeintlich bereits fertige Design verändert werden muss.
Für mich sollte ein AI-Bild eines Kunden deshalb vor allem eine Referenz für seine Idee sein – nicht automatisch die fertige Vorlage.
Werkzeug statt Tattoo-Designer
Ich sehe AI deshalb weder als Bedrohung für meinen Beruf noch als Ersatz für einen Tattoo-Artist.
Für mich ist sie ein Werkzeug.
Ein sehr leistungsfähiges Werkzeug, das meinen Gestaltungsprozess verändert und mir Möglichkeiten gibt, die ich früher so nicht hatte. Aber wie bei jedem Werkzeug hängt das Ergebnis davon ab, wer damit arbeitet.
Wenn das Wissen über Design, Bildgestaltung, Tattoo-Technik und Handwerk fehlt, löst AI dieses Problem nicht.
Und am Ende bleibt für mich ohnehin etwas bestehen, das sich nicht prompten lässt: Ein Tattoo entsteht für einen bestimmten Menschen, an einer bestimmten Stelle seines Körpers und begleitet ihn über viele Jahre.
AI kann dabei helfen, eine Idee sichtbar zu machen. Aus dieser Idee ein gutes Tattoo zu machen, bleibt die eigentliche Arbeit.
In diesem Sinne, bleibt kreativ!
Jurek, Way of Art Tattoo
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